###LEFT-MARKER###
Dr. Dania Richter bei der Arbeit, Foto: Baden-Württemberg-Stiftung
Weibchen des Gemeinen Holzbocks in einer kolorierten rasterelektronenmikroskopischen Aufnahme, Foto: Prof. Dr. Franz-Rainer Matuschka

Interview mit Dr. Dania Richter, Charité Berlin, Abt. Parasitologie

von Anne Haertel  /   Druckversion

Anne Haertel: Frau Richter, Sie befassen sich seit fast 20 Jahren mit Zecken. - Tiere, die als Parasiten kaum Liebhaber finden. Was fasziniert Sie an ihnen?

Dr. Dania Richter: Der sogenannte Gemeine Holzbock, die Zecke Ixodes ricinus ist ein Parasit. Das heißt, die Ze­cke braucht selbst andere Lebewesen als Wirte und nutzt sie aus, indem sie ihr Blut saugt. So grausam das klingt, das finde ich spannend. Ihr Lebenszyklus ist von vielen komplexen Faktoren und Situationen abhängig. Sie sind außerdem die Blutsau­ger, die am längsten am Wirt sitzen. Zudem können sie Krankheitserreger übertragen. Mich interessiert, was den Zyklus des Erregers zwischen Zecke und Wirt effizient und was ihn ineffizient macht. Im Vergleich zu Amerika, wo ich ebenfalls an Zecken, ihren Wirten und Erregern forschte, ist das Thema hier viel komplexer. Wir haben in Deutschland nicht nur eine Art von Erregern, die die Lyme-Borreliose auslöst, sondern fünf. Eine davon haben wir sogar als erste beschrieben. Jede dieser Erregerarten ist an einen anderen Wirt der Zecke angepasst. Das Zusammenspiel zwischen Zecke, Erreger und den verschiedenen Wirtstieren zu ergrün­den, ist eine Herausforderung, die mir immer wieder aufs Neue Spaß macht. - Wissen Sie, ich bin eine Vollblut­wissenschaftlerin.

Anne Haertel: Man hört ja so allerhand, aber wie gefährlich sind Zecken denn wirklich?

Dr. Richter: Die Zecken, über die wir hier reden, wären als solches eigentlich harmlos. Nur, dass sie manchmal Erreger im Gepäck haben, kann sie gefährlich machen. Übrigens ist das erste Entwicklungsstadium der Zecke, die Zecken-Larve, noch nicht mit den bakteriellen Erregern der Lyme-Borreliose befallen. Saugen sie aber an ei­nem infizierten Wirt, infizieren sie sich und sind dann im nächsten Stadium in der Lage, die Bakterien beim Blut saugen an andere Tiere und an den Menschen weiterzugeben.

Anne Haertel: Beim Menschen spielt vor allem die Lyme-Borreliose eine gefährliche Rolle.

Dr. Dania Richter. Ja. Hier werden Bakterien, sogenannte Lyme-Borrelien, übertragen. Das Problem ist, dass die Diagnose schwierig ist und sich die Behandlung über Jahre hinziehen kann. Deshalb versuchen wir, den natürli­chen Übertragungskreislauf des Erregers und der Zecken zu erforschen, um daraus präventive Maßnahmen ab­zuleiten. Sie wissen sicher, dass es bisher keinen Impfschutz gegen die Lyme-Borreliose gibt.

Anne Haertel: Wie aber kann man präventiv vorgehen?

Dr. Dania Richter: Außer dem persönlichen Schutz vor Zecken sehen wir zwei Präventionsmöglichkeiten: entwe­der die Anzahl der Zecken zu verringern oder die Durchseuchung der Zecken mit Lyme-Borrelien zu senken.

Anne Haertel: Wie ist das denn möglich?

Dr. Dania Richter: Wir haben in den letzten Jahren dazu geforscht und erstaunliche Erkenntnisse gemacht: Es gibt Tiere, die als Wirtstiere für Lyme-Borrelien in Frage kommen, wie Mäuse, Ratten, Eidechsen und Vögel. Es gibt allerdings auch solche, wie Rinder, Schafe, Ziegen sowie Reh- und Rotwild, die sich nicht von Lyme-Borreli­en infizieren lassen. Und noch viel besser: Infizierte Zecken, die an diesen Tieren saugen, verlieren diese Bakte­rien während der Blutmahlzeit. Die Beweidung, wie Sie sie im Norden des Bezirkes Lichtenberg auf den Riesel­feldern oder auch in Herzberge haben, könnte also zu einer erkennbaren Senkung der Borreliose-Zeckenpopula­tion und der infizierten Zecken führen.

Anne Haertel: Und wie ist es mit dem Feldhasen? In Lichtenberg kommen relativ viele vor.

Dr. Dania Richter: Das würde mich sehr interessieren, dazu gibt es aber noch wenig Forschung. Allerdings wis­sen wir von Kaninchen, dass sie für Borrelien, genauso wie Ziegen und Schafe, nicht als Wirt taugen. Ob das beim Feldhasen auch so ist, muss noch erforscht werden.

Anne Haertel: Wie sieht es überhaupt mit der Verbreitung der Lyme-Borrelien in Deutschland aus? Man­che Menschen meinen, es gäbe sie nur in Süddeutschland?

Dr. Dania Richter: Das stimmt so nicht. Die Lyme-Borrelien infizieren Zecken in ganz Deutschland. Was zu dieser Fehlinformation beiträgt, sind wahrscheinlich die Verbreitungskarten, die man kennt. Auf ihnen werden aber nur die Krankheitsfälle mit dem FSME-Virus (Frühsommer-Meningoenzephalitis) erfasst. Sie sagen nichts über das Vor­kommen oder die Verbreitung von Lyme-Borrelien aus.

Anne Haertel: Und was lässt sich über das Zeckenvorkommen in Berlin sagen? Im Lichtenberger Inter­kulturellen Garten wurde vor Kurzem ein Gemeiner Holzbock gesichtet.

Dr. Dania Richter: Zecken gibt es nicht nur auf dem Lande, sie kommen auch in Städten vor, also auch in Berlin, in den Wäldern, Parks, auf den ehemaligen Rieselfeldern, am Mauerstreifen und auch in Gärten und Hinterhöfen. Das wissen wir und forschen hierzu gemeinsam mit Meteorologen der Freien Universität Berlin. Schon Mitte der neunziger Jahre haben wir in einer Untersuchung im Magdeburger Rote­hornpark vor allem die Wanderratten als Wirtstiere für Zecken und Lyme-Borrelien identifiziert. Im Moment laufen in Berlin erste Untersuchungen, warum sich Zecken und Borrelien unter den Bedingungen einer Stadt wohlfühlen und verbreiten. Genaues können wir im Moment dazu noch nicht sagen. Wir wissen, Zecken brauchen Feuchtigkeit. Und die biotischen (Pflanzen, Wirts­tiere) und abioti­schen Bedingungen (Wetter, Ausrichtung zur Sonne etc.) spielen eine wichtige Rolle. Deshalb ist für uns der Austausch mit den Me­teorologen höchst wertvoll. Die Forschung weiß schon lange, dass Wald- und Wiesenrän­der ebenso wie hoher Gras- und Strauchaufwuchs von Zecken deutlich stärker bevölkert wird. Wo aber gemäht, gemulcht und gepflegt wird, fehlt den Zecken die nötige Feuchtigkeit und somit sind sie dort weni­ger häufig zu finden.

Anne Haertel: Man hat immer noch den Eindruck, früher hätte es Zecken und Borreliose-Erkrankungen nicht gegeben. Was meinen Sie als Wissenschaftlerin dazu?

Dr. Dania Richter: Ja, das mag so scheinen. Aber Langzeit-Untersuchungen zur Zeckenhäufigkeit gibt es nicht. Fakt ist, dass eine in Bernstein eingeschlossene Zecke aus dem Ostseeraum auf etwa 50 Millionen Jahre ge­schätzt wird. Es gibt diese Tiere also deutlich länger als uns. Wir haben auch in Zecken, die über 100 Jahre in Museen aufbewahrt wurden, Erreger der Lyme-Borreliose nachweisen können. Es kann sein, dass sich Zecken jetzt wohler fühlen, weil wir in den letzten Jahrzehnten die Landschaft verändert haben und ihnen mehr Lebens­raum verschafft haben. Wir nehmen an, dass die Zunahme der Zecken beispielsweise mit der Zunahme des Waldbestandes in Mitteleuropa zu tun haben könnte. Professor Franz-Rainer Matuschka, Leiter unserer For­schungsgruppe, schrieb in einem seiner Artikel darüber: "Die Zersiedelung der Landschaft, das "Häuschen im Grünen", die aufkommende Wertschätzung innerstädtischer Parkanlagen als "grüne Lungen", die ökologisch ori­entierte Bewirtschaft der Wälder und unser verändertes Freizeitverhalten - gekennzeichnet durch Trimm-Dich-Pfade, Camping- und Grillplätze - fördern die Entstehung für Zecken und ihre Wirte günstige Lebensräume. Zu­dem stieg so die Wahrscheinlichkeit, mit den Blutsaugern in Kontakt zu kommen." (Matuschka 2003)

Vor ca. 30 Jahren wurde dann die Lyme-Borreliose als Krankheit erkannt. Ihre Symptomatik ist aber im ausge­henden 19. Jahrhundert schon als Wanderröte beschrieben worden. Grundsätzlich kann man sagen, der Gemei­ne Holzbock fühlt sich bei uns sehr wohl.

Anne Haertel: Gibt es noch mehr solcher Erkenntnisse?

Dr. Dania Richter: Ja, zum Beispiel haben wir im Rahmen eines 5-jährigen Forschungsprogramms der Baden-Würt­temberg-Stiftung beobachtet, dass die Temperaturen im Winter nicht unbedingt einen besonderen Einfluss auf die Zeckenpo­pulationen haben. Viele denken, nach milden Wintern gäbe es mehr Zecken und nach kalten Wintern weniger. Das ist nicht der Fall. Problematisch für Zecken scheint eher ein zu trockener Frühling.

Anne Haertel: Wenn ich an Mäuse und Ratten als Wirtstiere denke, frage ich mich, wurden jemals Zusam­menhänge mit Müll untersucht?

Dr. Dania Richter: Ja, tatsächlich senkt ein gutes Müllmanagement den Befall der Nager mit Zecken und damit auch die Übertragungsmöglichkeit auf den Menschen.

Anne Haertel: Sie führen Ihre Forschung an der Berliner Charité zur Entwicklung von Maßnahmen zur Prävention durch und machen auch selbst Öffentlichkeitsarbeit zur Zecke und Ihren Forschungsergeb­nissen. Was ist Ihre Botschaft an die Bevölkerung?

Dr. Dania Richter: Uns geht es darum, aufzuklären. Panik und die Verteufelung der Zecken ? das hilft nieman­dem weiter. Es ist sicher schwer zu verstehen, welchen Nutzen Parasiten haben. Aber auch sie sind ein Teil des Ökosystems, und sie kommen in unserer Umwelt vor. Je besser wir sie kennen, um so besser können wir uns ihnen gegenüber verhalten. Wenn wir wissen, wo und warum sich Zecken wohl fühlen, können Landschaftsräume so gestaltet werden, dass sie für Zecken eher unwirtlich werden. Seit wir wissen, dass die Erreger der Lyme-Borreliose in den ersten 24 Stunden sehr selten übertragen werden, können Erkrankungen verhindert werden, weil Menschen ihren Körper und die ihrer Kinder regelmäßig nach Zecken absuchen und diese zügig entfernen. Auch Mittel zur Zeckenabwehr in Form von Sprays oder Lotionen bieten Schutz vor den Blutsaugern.

Anne Haertel: Worüber forschen Sie im Moment?

Dr. Dania Richter: Wir sind als Forschungsgruppe an einem großen interdisziplinären Projekt zur Klima- und Um­weltforschung im urbanen und periurbanen Raum beteiligt. Das Projekt nennt sich ?Milieu? und es geht darum, die kurz- und langfristigen Auswirkungen des Globalen Wandels auf die Umwelt in der Region Berlin-Branden­burg systemanalytisch, empirisch und experimentell zu untersuchen. Dabei sollen Lösungsansätze und Manage­mentstrategien entwickelt werden, sowie Politik und Öffentlichkeitsberatung stattfinden. Hier arbeiten Kollegen der Fachbereiche Geowissenschaften, Biologie, Veterinärmedizin und Medizin der Freien Universität Berlin und der Berliner Charité zusammen. Die zentralen Fragen, auf die wir Antworten suchen, sind: Welche Auswirkungen haben Klimawandel und veränderte Landnutzung auf die Umwelt in Ballungsräumen? Wie wird das Leben der Menschen dadurch beeinflusst, und wie begegnet man diesen Veränderungen am besten, um das Wohlergehen der Menschen und der Ökosysteme zu bewahren?

In einem weiteren Verbundprojekt, AgroScapeLab, das die Zusammenhänge zwischen Landnutzung und Biodi­versität erforscht, untersuchen wir zusammen mit Tierökologen und Botanikern der Universität Potsdam und Geo­ökologen der Technischen Universität München, wie sich die Nutzung und Pflege der Landschaft auf die Zecken­population, ihre Wirte und Erreger auswirken und wie sie somit indirekt die öffentliche Gesundheit beeinflussen können.

Anne Haertel: Wir im Bezirk würden uns besonders über ein Forschungsprojekt zum Zusammenhang Feldhasen-Zecken freuen. Vielen Dank für das Gespräch und viel Erfolg bei Ihrer weiteren Forschungsar­beit.

Quelle: Matuschka, Franz-Rainer (2003): Borrelien nutzen den Hang zur Natur. Artenreiche Biotope begünstigen die Ausbreitung der Lyme-Krankheit. , Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 23. Juli 2003.

Link: www.milieu.fu-berlin.de , http://www.scapelabs.org/index.php?id=94&L=0 www.bwstiftung.de/uploads/tx_ffbwspub/Borreliose-Flyer_2011_03.pdf


Juli 2012