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Eine Turnhalle als Lebensraum

Majd Jammoul

Man kann kaum sagen, dass die Krise der Syrer und aller anderen Geflüchteten mit ihrer Ankunft in Deutschland zu Ende wäre. Um Menschen vor dem Krieg zu schützen, braucht es nur einen Wechsel des Aufenthaltsortes und die Befriedigung von Grundbedürfnissen. Aber der Übergang vom Leben unter Krisenbedingungen zu einem normalen Leben erfordert mehr.

Die "Integrationspolitik" ist ein komplizierter und langfristiger Prozess. Es verursacht hohe Kosten für die kommunalen und Bundeshaushalte, Geflüchtete zu tatsächlichen Mitgliedern der Gesellschaft zu machen. Deshalb sollten die Entscheidungsträger in Betracht ziehen, wie Geflüchtete in der Zeit vor der Entscheidung über ihre Asylanträge leben. Sie leben in Übergangs-Unterkünften, von denen viele nicht geeignet als Wohnräume für Menschen sind, darunter auch Turnhallen, die viel mehr Leute beherbergen, als ihre Kapazität eigentlich hergibt. Diese Menschen leben auf kleinem und abgeschlossenem Raum zusammen und warten darauf, ihre Angelegenheiten im LAGeSo endlich abschließen zu können.

Es ist hart für Menschen, länger auf einer so kleinen Fläche zusammen zu leben und die Zeit dort nur mit Essen, Schlafen und LAGeSo-Problemen zu verbringen. Wael (35 Jahre alt) ist aus Syrien gekommen und ist enttäuscht über diese Lebensbedingungen. Er denkt inzwischen darüber nach, nach Kanada weiter zu ziehen. Als ich ihn frage, was er braucht, um sich in Deutschland wohl zu fühlen, sagt er: "Ich bin in meinem Leben nie mehr als eine Woche ohne Arbeit gewesen. Ich will wieder mit meiner Frau und meinem Sohn zusammenkommen und anfangen, als produktiver Mensch zu arbeiten."

Wir beginnen, die Auswirkungen dieser Lebensbedingungen zu sehen. Viele Familien und alleinstehende Männer sind in die Türkei oder andere Länder zurückgekehrt. Das Gefühl von Enttäuschung und Frustration macht sich unter der Mehrheit jener breit, die in geschlossenen Unterkünften leben, ohne etwas zu tun zu haben, ohne greifbare Hoffnung auf eine Chance, in Zukunft ein normales Leben führen zu können.

Oft erreichen langfristige Pläne ihre Ziele nicht, wenn ihre mittelfristigen Wirkungen ignoriert werden. Die aktuelle Politik wird wahrscheinlich zu abgeschlossenen Gemeinschaften führen. Es ist ein kritischer Moment, um mit voller Kraft daran zu arbeiten, die Geflüchteten in den unterschiedlichen Bereichen in die deutsche Gesellschaft zu integrieren. Sie können dazu beitragen, ein Wirtschaftswunder zu schaffen, wenn sie eine echte Chance auf dem deutschen Arbeitsmarkt bekommen, und zwar so schnell wie möglich.

Majd Jammoul kommt aus Damaskus (Syrien). Er lebt seit Mitte November 2015 in der Notunterkunft in der HTW-Turnhalle in der Treskowallee 8 und organisierte eine Straßenreinigungsaktion in der Nachbarschaft am 1. Januar 2016 mit.

 

Majd (rechts) mit Neujahrsgrüßen an die Nachbarn in Karlshorst im Rahmen der Straßenreinigungsaktion am 1. Januar 2016.

 

Nasser (vorne) mit einem Flyer auf der Kundgebung "Solidarität mit Köln" am 15. Januar 2016 vor dem Center am Tierpark, auf der Geflüchtete aus der Notunterkunft in der Treskowallee 8 die Übergriffe in Köln während der Silvesternacht verurteilten.

Stundenlanges Warten im Wärmezelt vor dem LAGeSo Mitte Januar 2016.

Ein Alltag aus warten....

Christoph Wiedemann

Nein. Man kann nicht über eine Notunterkunft schreiben, ohne über das LAGeSo zu schreiben, das Landesamt für Gesundheit und Soziales, die für Asylsuchende wichtigste Behörde in Berlin. Das Leben in der Notunterkunft dreht sich um das LAGeSo, wie sich das Leben des Josef K. in Franz Kafkas "Der Prozess" um ein undurchschaubares und unzugängliches, bedrohliches und demütigendes Gericht dreht, das alle Gewissheiten zerstört und alle Lebensenergien absorbiert.
Wir haben uns um 8 Uhr morgens vor dem LAGeSo in der Turmstraße verabredet, etwa 15 junge Männer aus unserer Notunterkunft und ich. "Danke, dass du gekommen bist", sagt einer von ihnen zur Begrüßung. Jeder von ihnen hat eine Terminkarte mit dem heutigen Datum dabei, die ich am Vorabend auf Bitte eines LAGeSo-Mitarbeiters ausgedruckt und ihnen ausgehändigt habe.

Wir ziehen los, um den richtigen Eingang zu dem beheizten Zelt zu finden, in dem wir die nächsten Stunden verbringen werden. Zweimal werden wir vom Sicherheitsdienst weitergeschickt, beim dritten Mal schließlich eingelassen. Dann stehen wir in einer Schlange mit ungefähr 200 anderen Menschen. Manchmal verlassen am vorderen Ende einige von ihnen das Zelt, dann rücken die übrigen Wartenden auf. "Es ist einfach nur Glück", erklärt jemand. "20 Menschen kommen rein ins Hauptgebäude. Aber nur 10 von ihnen bekommen ihr Taschengeld und ihre Dokumente, die übrigen müssen ein anderes Mal wiederkommen."

Meist stehen wir, manchmal sitzen wir auf dem Boden oder auf einem der Metallgitter. Geschichten werden erzählt, von einem Syrer, dessen Akte im LAGeSo verloren ging und der nach anderthalb Jahren von vorne anfangen musste, oder vom stundenlangen Warten im Regen vor dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) in Spandau. Langsam verstummen die Gespräche, alle tippen auf ihren Smartphones herum und hören Musik. "Wir können warten", sagt einer. "Einen Monat,
zwei Monate, vier Monate. Aber am Ende des Wartens brauchen wir auch ein Ergebnis."

Dann geht plötzlich alles ganz schnell. Die erste Gruppe aus unserer Notunterkunft darf das Zelt verlassen. Sie werden zu denen gehören, die heute Glück haben. Ich bin bei der zweiten Gruppe, wir sind erst fünf Minuten später an der Reihe. Ein Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes zählt ab: "Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht, neun, zehn." Die Auserwählten werden über eine Treppe nach oben geführt. Fünf Minuten später kommt der erste von ihnen wieder nach unten und zeigt uns das Plastikbändchen an seinem Armgelenk. Er gehört zu denen, die heute kein Glück gehabt haben.

Ich begleite Nasser, der vor einem Glaskasten im Foyer ansteht. Er ist einer der Organisatoren der Kundgebung gewesen, auf der drei Dutzend Geflüchtete aus der Notunterkunft Mitte Januar vor dem Center am Tierpark die Übergriffe der Silvesternacht in Köln verurteilt, eine Bestrafung der Täter gefordert und Pauschalurteile kritisiert haben. Ich frage ihn nach seinem jüngeren Bruder und
erfahre, dass sei schon vor einiger Zeit nach Frankfurt zu einem Verwandten gefahren ist und sich inzwischen dort als Asylsuchender gemeldet hat. "In der Turnhalle ist es sehr schwierig für ihn gewesen. Du verstehst selbst..."

Offiziell abgemeldet hat er sich in der Notunterkunft nicht, das tun die allerwenigsten. Verdenken kann ich es ihnen kaum. Sie leben in einem Raum mit etwa 180 anderen Menschen, die sie nicht kennen und mit denen sie sich manchmal nicht einmal verständigen können. Mit aufgespannten Bettlaken wird nur ein Minimum an Privatsphäre wird geschaffen. Sie bekommen mäßig gutes Essen auf Einweggeschirr vorgesetzt und Verhaltensregeln von einem Sicherheitsdienst diktiert, statt selbst
zu kochen und Regeln zu verhandeln. Sie haben die Notunterkunft nicht selbst gewählt, sondern zugewiesen bekommen. Sie wissen nicht, wie lange sie bleiben. Wie soll sich unter diesen Umständen echte Loyalität zu dem Ort und zu der Gemeinschaft entwickeln? Ich seufze kurz auf und bitte Nasser, am Abend im Büro vorbeizukommen und seinen Bruder offiziell abzumelden.

Plötzlich ruft eine Frau laut auf Deutsch über den Flur: "Bei wem ist der Milchreis so übergekocht? Wer hat die große Sauerei veranstaltet?" Die Banalität des deutschen Büroalltags hat Einbruch gehalten in die existenziellen Herausforderungen, denen die Wartenden im LAGeSo gegenüberstehen.

Doch sie währt nur kurz. Ein Sachbearbeiter tippt mir auf die Schulter und fragt mich, ob ich die Terminkarten selbst ausgedruckt und ausgegeben hätte. "Das geht so nicht", sagt er. "Aber Ihr Kollege aus dem LAGeSo hat mich doch selbst darum gebeten", sage ich. "Ich habe mehrmals nachgefragt, aber nie eine Antwort erhalten." Gemeinsam eilen wir durch lange Korridore zu seiner Vorgesetzten. Auch sie weiß nichts davon, dass die Notunterkünfte von einem ihrer Kollegen aufgefordert worden sind, Terminkarten auszudrucken und auszugeben. "Wir müssen das künftige Verfahren erst einmal intern klären", sagt sie. "Aber wir versuchen, Ihren Schützlingen
entgegenzukommen, die jetzt gerade hier sind."

Dann eilen wir wieder zurück zum Büro des Sachbearbeiters. Die dort Wartenden kommen heute nicht mehr an ihr Taschengeld und ihre Dokumente. Immerhin bekommen sie einen Termin gleich für morgen. Der Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes befestigt das Plastikbändchen an ihrem Armgelenk und ermahnt sie: "Kommt morgen früh wieder. Früh um fünf. Am besten noch früher."

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Wir tun unser Bestes, zusammen mit den Bewohnern und ehrenamtlichen HelferInnen die Situation in der Notunterkunft zu verbessern. Schrittweise und im Rahmen der Möglichkeiten. Wir motivieren die Bewohner auch, aktiv Eigenverantwortung zu übernehmen. Aber es braucht mehr. Es braucht eine öffentliche Verwaltung, die funktioniert. Es braucht Arbeitgeber, die ihre Betriebe und Institutionen öffnen, die Jobs und Praktika und Arbeitsgelegenheiten schaffen. Und vor allem braucht es NachbarInnen, die sich um ein Kennenlernen und um ein gutnachbarschaftliches
Verhältnis bemühen.